Von CROAP und Karaoke

Hallo ihr Lieben,

Mittlerweile bin ich nun schon einige Tage in meinem Projekt und dachte, dass es an der Zeit wäre euch ein bisschen mehr darüber und meine erste Zeit hier zu erzählen.

Das Projekt namens CROAP (Center for Research on optimal agricultural practices) liegt etwa 20 Minuten mit dem Auto von dem Städtchen Pursat in der gleichnamigen Provinz entfernt. Es ist ein recht großes Gelände mit mehreren Häusern, einer Montessorischule, einer Holzkapelle, einem Volleyball- und einem Fußballfeld, einem Essensplatz, einigen Gästehäusern und viel Grün. In Croap laufen einige Projekte parallel: Einerseits gibt es die Women’s Group: Eine Gruppe von Reisbäuerinnen bekommt hier Koch- und Serviceunterricht, da bald ein Café auf der ein paar Autominuten entfernten Demonstration Farm eröffnet werden soll. Auf der Demonstration Farm wird die SRI (System of Rice Intensification) Methode getestet. Diese Methode verzichtet anders als beim herkömmlichen Reisanbau auf jegliche Chemikalien und gibt den Reispflanzen mehr Platz zum Wachsen. Das bedeutet mehr Ertrag, aber auch mehr Arbeit. In Croap und auf der Demonstration Farm wird mit hiesigen Bäuerinnen und Bauern über die Methode gesprochen, es werden Kurse gehalten und Selbsthilfegruppen gegründet, um den Zusammenhalt der Bäuerinnen und Bauern zu stärken. Jeder soll hier jedem helfen. Parallel zum ökologischen Reisanbau, dem Café und der Women’s – und Farmers Group soll außerdem das Gelände so hergerichtet werden, dass man es bald als Retreat Center in der Natur anbieten kann. Das Gelände an sich ist schon wunderschön (siehe Fotos unten), aber es müssen noch einige Dinge etwas optimiert und aufgehübscht werden. So sollen beispielsweise Blumen gepflanzt, Häuser angestrichen und repariert oder etwa neue Wege angelegt werden. Und genau hier kommen Marie und ich ins Spiel. Gerade sind Schulferien und deshalb werde ich erst im November anfangen, auch in der Montessorischule mitzuarbeiten. Bis dahin helfe ich ausschließlich dabei, das Gelände zu verschönern und beim Reisanbau zu helfen.

Genau das habe ich schon die letzten Tage gemacht. Am Mittwoch kamen Santiago, Marie und ich am Vormittag in Croap an und wurden anschließend herumgeführt und konnten unsere Sachen auspacken. Am Abend spielten wir dann gemeinsam mit den Mitarbeitern Volleyball, gespickt mit vielen „You, Sister!“s ihrer- und mehr oder weniger guten Leistungen unsererseits. Am Donnerstag ging es auch schon los: Ich hab den Frauen der Womens Group geholfen ein großes Blumenbeet anzulegen, was in Kombination mit der Temperatur und Hitze schon ganz schön anstrengend war. Doch die Gartenarbeit machte trotzdem Spaß, da die Frauen viel lachten, tanzten und kambodschanische Musik hörten. Auf einmal war ein bekanntes Lied zu hören: „Lieblingsmensch“ von Namika. Meine Mitbewohnerin Vanny hatte es eingestellt: „Now you live here too, sister“.

 Am Freitag sind wir dann zum Markt nach Pursat gefahren, was nochmal eine Erfahrung für sich war. Einerseits wieder der Verkehr (mittlerweile kann ich meinen MaM-Counter = Menschen am Moped Counter, auf 4 hochstufen) und andererseits der Markt selbst: Er war absolut riesig, manche Stände außerhalb, doch die meisten innerhalb einer großen Markthalle. Alles war zu kaufen: frische Früchte, Fleisch und Snacks aber auch Kleidung, Schmuck, Hygieneartikel, Spielzeug, Decken etc… Auch die unterschiedlichsten Gerüche gab es, manche gut, manche kaum auszuhalten. Und die Blicke. Marie und ich waren die einzigen Weißen und das sorgte für Aufmerksamkeit. Wertende, neugierige, vielleicht auch ein wenig neidische Blicke. Neidisch auf die Farbe unserer Haut. In den paar Tagen, die ich erst hier bin drehte sich das Gespräch schon oft um Hautfarben. Khmer Frauen wollen nämlich um keinen Preis dunkel sein. Die allgemeine Wahrnehmung ist, dass wer eine dunkle Hautfarbe hat, in der Sonne am Feld arbeiten muss, sprich vom Land kommt und deshalb arm ist. Dunklere Haut bedeutet dann anscheinend schlechtere Chancen, sowohl in der Karriere als auch in der Liebe. Am Markt haben dann zwei Mädchen sogar Selfies mit uns gemacht, die eine das Gesicht mit Makeup heller geschminkt, als es eigentlich war. Auch das machen hier viele Frauen, oder gehen nur mit hochgeschlossener Kleidung aus dem Haus. Oder benutzen whitening creams oder halten die Arme beim Mopedfahren so, dass die Innenseiten nach oben zeigen. Oder… Nur meine Mitbewohnerin Borey nicht. Sie mag ihre Haut und möchte nichts an ihr ändern. Und ich finde sie und ihre Haut schön.

Schön war auch der gestrige Tag, den wir bei einer Familie aus der Gegend verbringen durften. Am Wochenende hat nämlich jeder frei und in Croap ist nichts los. So fuhren wir mit den hier heißgeliebten Mopeds vormittags über winzige Trampelpfade in die absolute Pampa, wo uns die Familie (die Eltern arbeiten beide in Croap) schon begrüßte. Das Haus war klein, mit Wellblech als Dach, Erde als Boden und einem Klo, das nur ein Loch im Boden war. Wenn ich zu Hause gesehen hätte, dass jemand so wohnt, wäre ich sehr bestürzt gewesen, aber hier ist das normal. Und wie ich festgestellt habe, habe ich mich ziemlich schnell daran gewöhnt. Dann war es auch schon so weit und wir fingen an zu kochen. Es gab Reis (wie immer), Huhn, Rind, Gemüse, Obst und kambodschanisches Bier, das mir erstaunlich gut schmeckte. Außerdem habe ich zum ersten Mal in fast zwei Jahren wieder Fleisch gegessen. Es war ein richtiges kleines Festmahl, und alle waren bester Laune. Ich war ziemlich erstaunt, als ich gesehen habe, dass der Mann einen Verstärker, einen riesigen Lautsprecher und ein Mikrofon anschleppte. Bald schon wurde abwechselnd mit viel Herzblut unter freiem Himmel Karaoke gesungen. Das kam mir irgendwie surreal vor, mitten in der kambodschanischen Pampa am Boden zu sitzen, zwischen Kühen, lieben Menschen deren Sprache ich nicht verstehe und hunderten von Fliegen und Karaoke zu singen, ganz ähnlich wie im Musikunterricht in der Schule. Aber surreal oder nicht, ich nahm alles in mich auf und werde den Tag als wunderschön in Erinnerung behalten. Auf dem Rückweg war ich von einer tiefen Dankbarkeit erfüllt.

Heute bin ich dankbar für das Karaoke singen, den Regen und die wunderschöne Natur hier.

2 Antworten auf „Von CROAP und Karaoke

Add yours

  1. Hallo Benedicta!
    Hemma hat mir den Link zu deinem Blog geschickt. Ich bin beeindruckt, dass du diesen Einsatz in Kambodscha machst. Deine Schilderungen sind sehr lebendig. Ich wünsche dir ein grossartiges Jahr in Pursat – und dass deine Eltern nicht zuviel Heimweh haben nach dir🤗
    Liebe Grüße Ernst

    Like

Hinterlasse einen Kommentar

Bloggen auf WordPress.com.

Nach oben ↑

Erstelle eine Website wie diese mit WordPress.com
Jetzt starten